Japan als Inspiration

Henrike Junge-Gent, 2020

Tag und Nacht breiten sich auf dem Diptychon aus, die dunkle Zone links, die helle rechts. Einzelne Gegenstände sind noch erkennbar, dank exakten Konturen und durch eine helle elliptische Fläche wie in einer Blase isoliert. Die meisten Bildgegenstände jedoch sind kaum noch identifizierbar, erscheinen räumlich gedrängt, chaotisch zusammengeschoben. Die differenzierte Farbigkeit weist zarte Töne auf, feine Weißnuancen bis hin zu Grau, Rosa, wenige rote, türkisfarbene und grüne Sprengsel. Über Dunkelgrün geht es zu Schwarz. Graphische und malerische Elemente vermischen und überlagern sich, Genaues ist bis auf Gefäße und Schuhe nur partiell noch erkennbar. Die eindrucksvolle Komposition beruht auf fotografischen Überlieferungen von gefundenen Habseligkeiten der Bewohner nach der Katastrophe von Fukushima. Rosafarben erscheint rechts als Fragment eine Braut im Hochzeitskimono, als ein Relikt aus glücklichen Tagen, Anfang und Zukunft. The Day After von 2018 ist eines der letzten großen Bilder, ein Format von 140 auf 200 Zentimetern Größe, die Peter Tuma zum Thema Japan in seiner unverkennbaren Bildsprache gemalt hat, unter dem Eindruck des Tsunamis und der nuklearen Katastrophe. Dem japanophilen Künstler als Liebhaber von Kultur und Kunst des fernen Ostens ist diese Katastrophe besonders nahegegangen. Auch das fast ebenso großformatige Gemälde Tepco‘s Garden von 2013 zeugt davon.

Beide Werke besitzen eine lange künstlerische und biographische Vorgeschichte. Es begann mit einer japanischen Schaupuppe, einer Kaiserdarstellung. Sie ist noch präsent im Hause Tuma und begrüßt die Eintretenden vis-a-vis der Haustür. Über einem kegelförmigen Rock und kleinem Oberkörper schwebt maskenhaft weiß der Kopf, die Textilien sind leicht verschlissen, das Stück ist alt. Auf etwa 1962 datiert dieser Beginn von Tumas Japanophilie. Über die Bekanntschaft mit dem Maler Johann Georg Geyger, der ab 1963 für nur zwei Jahre an der Kunsthochschule in Braunschweig lehrte, dann jedoch an die Städelschule wechselte, kam der nächste Impuls. Er sammelte japanische Holzschnitte, bei ihm entdeckte Peter Tuma diese exotische Bilderwelt für sich. Überhaupt kann er sich an die Anfänge seiner Sammelleidenschaft nur allmählich erinnern. Zunächst ging es mit dem Rompreis der Villa Massimo nach Italien, die Impressionen der antiken Relikte beherrschten die Produktion der folgenden Jahre.

Als andere Künstler nach Amerika schielten, ging Tuma 1974/75 mit dem Preis für die Cité des Arts nach Paris. Sein Erfolg und die Bilderverkäufe über die Galerie Flincker ermöglichten ihm weitere kleine Erwerbungen. In jenen Jahren waren noch japanische Trouvaillen auf französischen Flohmärkten möglich, Drucke, Porzellan, Kimonos, Lackarbeiten, was so alles als Trödel von den Erben der ersten Japanomanie hinausgeworfen wurde. Tuma erwarb in Paris zu erschwinglichen Preisen Lackdosen und andere Asiatika. Sein Interesse an diesen exotischen Objekten war jedoch anfänglich rein auf das Ästhetische bezogen, die fremden Materialien und Farben interessierten ihn, der kulturhistorische Kontext hingegen weniger. Neben seinen jeweils aktuellen anderen Themen sammelt Tuma bis heute japanische Asiatika, zumeist aus der Edo-Zeit. In den 1980er Jahren war Japan für ihn wieder aktuell geworden. Die Fachhochschule Hannover, an deren Fachbereich für Kunst und Design er seit 1982 lehrte, begann mit seiner engagierten Unterstützung eine Partnerschaft mit der City University in Hiroshima, wenn auch von den Studierenden nur zögerlich angenommen. Erste japanische Elemente tauchten in den Werkgruppen der Boote und Brücken auf. Tuma wünschte sich in jenen Jahren übrigens selbst ein Segelboot; der Mangel an größeren Gewässern in der Umgebung Wolfenbüttels vereitelte jedoch die Erfüllung dieses Wunsches. Das große Diptychon Hommage à Hokusai von 1986 und das noch größere Triptychon Die Brücke über den Uji II aus dem Jahr 1988 mit seinen Varianten zeigen nun Tumas wachsendes Interesse an japanischer Bildkunst.

Es wurde Zeit, das Land seines Interesses selbst in Augenschein zu nehmen. Bereits seit einiger Zeit war er zusammen mit seiner Frau Almut, einer Kunstlehrerin und Keramikerin, Mitglied in der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Hannover, als sie dort Anfang der 90er Jahre an einer Gruppenreise nach Japan teilnahmen. Zwar wohnte man in Hotels westlichen Zuschnitts und hatte ein festes Programm zu absolvieren, das individuelle Wünsche nicht berücksichtigen konnte, doch war ein erster Eindruck immerhin gegeben. Die Erfahrung von Sicherheit ermöglichte eine zweite Reise auf eigene Faust. Die kulturelle Fremdheit war nun schon deutlich geringer, so dass man sich in Kyoto und Nara selbständig bewegen konnte. Die dritte Japanreise im Jahr 2003 verband sich mit einer Ausstellung in der Partner-Kunsthochschule von Hiroshima, zusammen mit dem Klangkünstler und Kollegen Ulrich Eller. Eine vierte Reise folgte zum Zweck einer Ausstellungsplanung nach Oita auf Kyushu; das Projekt zerschlug sich. Bei drei dieser Reisen fanden auch ausführliche Treffen mit einem älteren japanischen Ehepaar statt, beide Pharmazeuten, die aus beruflichen Gründen deutsche Sprachkenntnisse besaßen. So vertieften sich die Kontakte nach Japan bis in die Gegenwart und damit auch das Interesse an der Kultur und den Artefakten dieses Landes.

Lange schon sammelte Tuma Bücher über Japan, vor allem Bild-, nicht nur Kunstbände, auch Mangas und eine Vielfalt kultureller Themen, deren Abbildungen er immer wieder studierte und sich auf diese Weise einen umfangreichen Bilderschatz aufbaute. Auch alle möglichen Papiere, Drucksachen, Zeitungen und Muster gehören zu dem Universum aus traditionellem und populärem Bildmaterial, aus dem er nun schöpfen konnte. Das Netz bot noch einmal eine Intensivierung der Recherchen: bei japanischen und internationalen Anbietern betreibt er gerne Zivilisationsarchäologie. So manches Stück landete und landet immer noch in seiner umfangreichen und vielfältigen Sammlung. Anfangs gehörte seine Neigung der traditionellen japanischen Hochkultur, mit der schrillen Popkultur hingegen konnte er sich lange nicht recht befreunden. Mit der Zeit jedoch entwickelte er aus beiden Kulturniveaus ein spezifisches Crossover, nicht zuletzt aus den Mythen des japanischen Alltags: Teeschale und Sushi, Kimono und Obi, Bonsai und Miniaturgarten, Kirschblüte und Chrysantheme kommen darin vor, und SONY steht symbolisch für die technische Welt.

Pinselzeichnungen in sattem Schwarz erinnern an Tuschezeichnungen und zeigen Tumas ganz eigenen Zeichenstil. Dazu gehören die Bonsai-Bilder, schwungvolle schwarze Motive auf oftmals leuchtend farbigem Grund, eingespannt ins Querformat. Andere Elemente gewinnt Tuma durch die Verwendung von Schablonen, die er in so archaischen wie modernen Kompositionsformen wie Reihungen und Streuungen zusammenfügt. In den gereihten Bonsaibildern kommen durch die Schablonentechnik andere Varianten hinzu: gekonterte Details etwa, die die Monotonie unterbrechen. Gerne fügt Tuma seine Einzelbilder zu Reihen, Gruppen und Tableaus zusammen, in mobiler Anordnung. Tumas Farben wirken wie den alten und neuen seidenen Kimonomustern abgelauscht. Da finden sich Farbtöne, die in der europäischen Kunst selten sind: eigenartige warme Rot- und feine Rosa-, grünliche Gelb-, Hellblau-, Türkis- und neuerdings auch leuchtend warme Grüntöne. Das traditionelle Indigoblau der Alltagstextilien fehlt jedoch fast ganz in seiner Palette. Neben Öl- und Acrylfarben verwendet er für seine Malerei häufig auch profane Industrielacke, deren ungewöhnliche Farbpalette seinen Vorstellungen entspricht. Tumas koloristische Individualität kann wie in dem Bild Shinjuku Night von 2008 oder neueren Bildern gelegentlich auch gegenstandlos als Farbfeldmalerei auftreten, nur die Farbkomposition verweist dann noch auf den kulturellen Kontext. Sie bilden jedoch die Ausnahme in seiner vom Gegenständlichen bestimmten Bilderwelt.

Henrike Junge-Gent, Japan als Inspiration. Peter Tumas Japanalia und Japonnerien, in: Peter Tuma - Am Wege / En Route, Kerber Verlag, Bielefeld 2020, S. 48 - 57.