Ein langer Weg

Henrike Junge-Gent, 2018

2014: Ein Allover von hellen Ovalen auf dunklem Grund mit leichter Verkleinerung der Fomen zum oberen Bildrand hin, die Raumtiefe suggeriert. Bei näherer Betrachtung jedoch zeigt sich an den Ovalformen eine charakteristische Einbuchtung. Hier wird es nun gegenständlich: Auf der großen Leinwand ist stark abstrahiert ein Seerosenteich dargestellt, mit kräftig schwarz konturierten Blättern. Versteckt zwischen den Blattformen schwimmt am rechten Bildrand ein roter Damenschuh als überraschendes narratives Element. Oben links ragt ein Steg in traditionell japanischer Perspektive ins Bild. Hier findet sich der andere Schuh und deutet einen rätselhaften Vorfall an. Neben der Schwarzweißdarstellung ist auch Farbe vorhanden, unter den meist weißlichen Blättern gibt es einige pastellfarbige, in Gelb, Azur und subtilem Rosa. Die kräftigen schwarzen Konturen und der starke Helligkeitskontrast weisen das Bild als Zeichnung aus, aber auch meisterhafte Malerei ist zu sehen. Neben den zarten Andeutungen von Farbe auf den Blättern schimmert im Hintergrund das Wasser mit dunkelfarbiger Tiefe grünlich-bläulich-bräunlich, und die Stängel der Blätter scheinen neben ihrem schwarzen Kontur grünlich das Licht aufzufangen. Der feinen malerisch-naturhaften Darstellung des Wasserlebens sind die hellen Ovalformen hart kontrastiert. Hier finden Malerei und Zeichnung wie immer wieder in Tumas Werk integriert im Bild zusammen.

Wer Tumas Werk zurückverfolgt, wird immer wieder auf die Parallelität und Integration graphischer und malerischer Elemente aufmerksam, die im gemalten Bild als Pinselzeichnung, kombiniert mit Wisch- und Fließwirkungen, zu beobachten sind. Die Anfänge von Tumas Werk allerdings zeigen andere technische Mittel: Blei- und Farbstifte, Misch- und auch druckgraphische Techniken. Die frühen figuralen Arbeiten der Studienjahre und der Zeit bis zum Rom-Stipendium sind durch einen Brand in Wohnung und Atelier verloren; das heute zu überblickende Werk des Künstlers beginnt somit erst anschließend. Landschafts- und Architekturmotiven widmet sich Tuma in den 1970er, den Pariser Jahren. Lebendiges, wie Pflanzen, Tiere und menschliche Figuren, ist ausgespart, pflanzliche Relikte erscheinen selten und nur in verkümmerten Fragmenten. Der Künstler konzentriert sich auf skeletthafte Konstruktionen, auf Stauwerke, Gerüste, Fundament- und Mauerreste. Alles wirkt beschädigt, vertrocknet, verschüttet, wie ausgegraben, und erinnert aus heutiger Sicht unabweisbar an Zerstörungen durch menschliche Einwirkung wie Kriegshandlungen − oder durch lange Zeiträume. Assoziationen von zukünftigen oder archäologischen Ausgrabungen könnte die Betrachtung dieser Bilder bewirken, besonders gefördert durch die minutiöse Darstellung der malerischen Texturen in den Farbtönen von Sand, Stein, Beton und Staub. Mit Tusche oder Bleistift auf Karton gezeichnet, mit Farbstiften auf das Feinste koloriert, erreichen die Formate erhebliche Größen. Die Leinwände dieser Werkgruppe, noch etwas größer formatiert und mit Acrylfarben ausgeführt, sind eindeutig der Malerei zuzuordnen, ihre meist kräftigeren Farben, wie Blau und Englischrot, leuchten vor schwarzem Hintergrund. Die Zeichnung tritt zurück ohne zu verschwinden. Das Interesse des Künstlers an Konstruktionen setzt sich mit weiteren Varianten von Skelettbauten, den Brücken, vor allem aber den Booten in den 1980er Jahren fort. Große Zeichnungen auf Leinwand mit partieller Kolorierung entstehen, zugleich aber auch Leinwände in starker Farbigkeit, in denen die Konturlinien in die Farbflächen einbezogen sind. Negativiert erscheinen Linien auf schwarzem Grund. Tuma gibt die Feinmalerei auf, der Duktus wird freier, handschriftlicher, die Darstellung expressiver, ephemerer. Schwung kommt auf und wird nun lange bleiben. 1986 kündigt sich in harmonischer Farbigkeit - Blau, Schwarz, Rotbraun, Grau und sparsamstes Gelb - mit der „Hommage à Hokusai“ erstes Interesse für Japanisches an. Aber noch ist es nicht soweit. Eine Phase der Besinnung scheint die Bilder der 90er Jahre zu bestimmen. Der freie Duktus löst sich weiter auf, lineare Elemente bleiben, die Farbe wird fleckhafter bis hin zur Verwischung. Ein dunkles Blutrot tritt auf, häufig kombiniert mit Formen menschlicher Herzen, Formen von Kanopen, Urnen und Pokalen, von schwarzen oder unkenntlichen Köpfen, dazu kommen Attribute von Fußball, Volkskunst und Religion. Neu tritt jetzt die Kompositionsform des Rasters hinzu, des Tableaus aus unterschiedlich getönten Flächen mit je eingesetztem Element, vorzugsweise einer Ovalform. Sie kann zum Emblem oder zum Gefäß mutieren, kann als Störenfried in einem ganz anderen Kontext figurieren und gehört zu Tumas festem Formbestand bis weit in die 2000er Jahre. Gegen Ende der 90er Jahre löst sie sich aus den Urnen und Pokalen und mutiert vom gegenständlich integrierten, zwischen räumlich wahrzunehmenden Element bis zur autonomen Fläche, die den Bildbestand konterkariert. Sie spielt zwischen Zweidimensionalität und räumlicher Wirkung, zwischen Linie und Fläche - zwischen Zeichnung und Malerei, als Player in den Pathetischen Stillleben.

Tumas drei Japanreisen haben eindrückliche Spuren hinterlassen. Bonsai, Kirschblüte, Bambus, Manga, Sushi und schließlich Sony - diese japanischen Begriffe kennt auch im Westen jedes Kind. Sie sind als Mythen des globalen Alltags in die Massenkultur eingegangen. Zu einer Art Japan-Pop verarbeitet Tuma sie, und sein Repertoire an Versatzstücken aus dieser Japan-Pop-Welt mischt der Japan-Kenner und -liebhaber immer wieder anders. Er verwendet dabei vorwiegend Methoden, die ebenfalls dem Bereich der Massenkultur entstammen, wie Schablonieren, Kontern, Negativieren, Kolorieren, Ergänzungen mit Schrift und anderes mehr aus dem Gebiet des Kommunikationsdesigns. So entstehen die Stills, stilllebenhafte Kompositionen, die jedoch nicht als traditonell westliche Zusammenstellungen von Gegenständen komponiert sind. Die Bilder weisen überwiegend einfache, gleichermaßen dem Archaischen wie der Moderne zugehörige Strukturen auf, wie Reihungen und Raster, im Bild selbst und aus Einzelbildern zu Tableaus kombiniert. Mitunter erinnern sie an Tapeten und berühren damit den Bereich von Muster und Ornament. Häufig jedoch grenzen sie an die fernöstliche Kunst der Kalligraphie und präsentieren die Handschrift des Zeichners. So einfach Tumas Bilder zunächst erscheinen mögen, so überzeugend sind sie als Crossover mit der Bildsprache der Hochkunst konzipiert. An einer abstrakten, jeglicher Funktion entkleideten Gefäßform etwa wird das ganze Repertoire an räumlicher und flächiger, jeweils einander konterkarierender Darstellungsweise in kleinen Beispielen vorgeführt und wie ein didaktisches Tableau komponiert. In anderen Bildern gehen präzise Konturen im linearen Stil mit fleckhaft-malerischen Elementen einher, schablonenhaft klar konturierte verbinden sich mit handschriftlich ephemeren Setzungen. Tuma, Maler ebenso wie Zeichner, liebt das Schwarz und verwendet hier vulgäre Industriefarben in eigentümlich gebrochenen Farbtönen, die dem exotischen Formrepertoire gut stehen: Inkarnatrosa, ins Giftige strebendes Gelb und das depression greender amerikanischen 1920er Jahre. Lackrot schließlich, eine Lieblingsfarbe dieser am Fernen Osten interessierten Westkultur, darf nicht fehlen.

Das eingangs beschriebene Seerosen-Bild aus dem Jahr 2014 knüpft als Variante an die letzte Werkgruppe des Malers an, die um 2008 beginnt und eine besondere Form von Gegenständlichkeit umfasst. Diese eindrücklichen Arbeiten treten erst nach Tumas Emeritierung auf. Hier zeigt er nun erstmalig Interieurs. Menschen sind weiterhin abwesend, haben jedoch ein Chaos hinterlassen: gestürzte Möbel, verschobene Wände, übereinander geworfene Schuhe und Hausrat. Statt der bisherigen geordneten, oftmals tableauhaft gereihten Kompositionen hat eine polyperspektivische Dynamik in steiler Draufsicht Einzug gehalten. Das Formrepertoire aus dem Kontinuum der vorangegangenen Phasen setzt sich fort, darunter vor allem die Ovalformen. Sie werden aus ihrer bisherigen Abstraktion erlöst und erscheinen als Gefäße, Tischplatten und Ähnliches nunmehr gegenständlich. Mit klaren Linien gezeichnete Interieurobjekte beherrschen die Komposition. Schwarz bleibt zwar dominant, doch kombiniert mit kräftigen Farben. Englischrot wird zu Hellrot geschärft, Senfgelb, Türkisgrün, auch Blau setzen starke Akzente mit klarem Flächencharakter. Auf hellem Grund sind die Bildgegenstände in kräftige schwarze Konturen gefasst oder auch in unterbrochene rote Umrisslinien ohne Binnenzeichnung. Flächen und Linien bestimmen diese Idyllen, meist große Bilder mit Diptychoncharakter. Vereinzelt finden sich noch Elemente aus den Pathetischen Stillleben. Doch die handschriftliche Darstellungsweise ist einer festen Formensprache gewichen.

Wie nun kommt der Künstler von den Idyllen zur humoristischen Zeichnung? Wie jeder Mensch besitzt auch Tuma eine verborgene Seite: eine humoristische, die im Freundeskreis durch seine Gelegenheitsarbeiten, persönlich adressierte Zeichnungen, bekannt ist. Trotz anfänglicher Bedenken hat er 2015 eine umfangreiche Auswahl dieser Arbeiten im Kunstverein Wolfenbüttel erstmalig öffentlich gezeigt. Der große Erfolg vor allem der Schöninger Männerhat ihn bestärkt, daran weiterzuarbeiten.

Henrike Junge-Gent, Ein langer Weg, in: Peter Tuma. Sartiren und Humoresken, Göttingen 2018, S. 142 – 145.