Über das Provisorische, Fragmentarische, Unfertige

Giso Westing, 2020

Über das Provisorische, Fragmentarische, Unfertige im Werk von Peter TumaFür Peter Tuma ist das Bild eine Werkstatt, ein Schauplatz innerer Diskussionen, ein Experimentierfeld, etwas Unabgeschlossenes – ja, das Bild ist wie eine offene Wunde, eine Operation, die abgebrochen wurde. Es gibt verschiedene Grade der Intensität in der Ausführung; von bloßen Andeutungen in weiten leeren Flächen über Konstruktionslinien, die sich immer weiter verdichten bis hin zum ausformulierten Detail. Es wird vorgezeichnet, korrigiert und wieder weggemalt, übermalt, scharf umrissen, mit Farbe ausgefüllt, verworfen, um wieder hervorgeholt zu werden. Trotz der kostbaren, geradezu gediegenen Technik der Acrylmalerei bleiben auch die Arbeiten aus den 70er Jahren der Leidenschaft für das Fragmentarische verpflichtet. In dieser Zeit schuf Peter Tuma einen geschlossenen Werkskomplex der petrifizierten Landschaften. Felsen, Gemauertes und bröckeliges Bauland, unvollendete oder erodierte Zellenbauwerke mit unzähligen Kammern, teilweise freigelegten Unterkonstruktionen und antike Theaterbauten bilden einen Kanon von Menschenhand errichteter Räume, die aber menschenleer, verlassen und aufgegeben eine Art Endzeitstimmung verbreiten. Der Betrachter sieht diese Bilder mit dem gemischten Gefühl aus Bewunderung vor den Leistungen untergegangener Kulturen wie der Erkenntnis der Vergeblichkeit menschlichen Tuns. Eine schweigende Dramatik teilt sich mit, eine Gebärde aus minutiös widergegebenem totem Material.

Später, in den 80er Jahren lockert sich der Pinselstrich, um eine Konfrontation zwischen weicheren und freien Partien mit messerscharf gezogenen Linien zu ermöglichen. Nun erhält der Aspekt von Innen und Außen eine zusätzliche, aus dem Malerischen gewonnene Dimension, die auch schon die ganz frühen figürlichen Fantasien Tumas hatten: Das lockere und unvollständige Auftragen von Farbe lässt das Darunterliegende noch sichtbar und erlaubt so Einblicke in das Bildinnere als in das, was darunter ist. Das hat natürlich auch mit Zeit zu tun, mit der Entstehungszeit des Bildes als Einblick in den Prozess. Dieser Aspekt wird im weiteren Verlauf der Entwicklung der Malerei von Peter Tuma immer wichtiger. Mit dem Übermalen oder auch Wegmalen von Formen gestaltet sich auch die Überlagerung der Gedanken. Während die früheren Bilder wenigstens thematisch stringent waren, setzt zusammen mit der immer weiter improvisierenden Malweise ein neues Verhältnis zu Inhalten ein. Nicht mehr ein Gedanke oder eine Stimmung werden verfolgt, sondern ein Verwirrspiel von Setzung und Aufhebung inszeniert. Es wird etwas ausgedrückt und dargestellt, aber gleichzeitig wieder zurückgenommen, übermalt, ausgestrichen oder sonst wie verunklärt.

Das geschieht in den Bildern, die das quasireligiöse Element im Phänomen des Fußballs aufgreifen, die eigentlich etwas behandeln, das man an sich nicht malen kann. Wie stellt man Triumph, Sieg, Niederlage, Fanbegeisterung, sportliche Kondition – kurzum das alles dar, was den Massensport Fußball ausmacht und begleitet? Peter Tuma findet über die Idee der Reliquie sowie aus dem Fundus seiner Mittel als Maler, Wege und Möglichkeiten, auch psychische wie organische Aspekte dieses Sports zu behandeln. In Anspielungen, auch witzigen und ironischen Zutaten bringt er nicht zuletzt das Pathos der ganzen Sache zum Ausdruck. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, der Siegestaumel von gestern verlöscht mit dem Verlust der nächsten Partie. Aus Siegern werden Verlierer, die Freude währt nur den Augenblick lang.

Es gibt im Werk von Peter Tuma so etwas wie das deklamatorische Vorzeigen eines Provisoriums. Davon zeugen auch die Pathetischen Stillleben, die ebenso heterogen sind wie die auf den Fußball bezogenen Bilder. Auch hier wird auf mehreren Ebenen agiert. Zunächst ist da die Komposition, die Verteilung der Flächen im Bildraum wie der Farben. Dann ist da der Bildraum, ganz Fläche aber mit Formen durchsetzt, die mit einfachsten Mitteln perspektivischen Raum suggerieren, wie Ellipsen, linear oder ausgemalt mit reinen Farben. Und dann sind da Gegenstände, Tische, Pflanzen und Gefäße, die aber durch eine weitere Zutat relativiert werden: Kleine in das Bild geschriebene Wörter wie Toyota oder Sony und Datumsangaben wie 06. 08. 1945 geben der Sache eine plötzliche Wendung. Es wird ein historischer wie gesellschaftlicher Bezug aufgemacht, das Bild in eine kontroverse Verstrickung gebracht durch das Einsickern von Bedeutungen, Vorstellungen und Assoziationen wie handfester Fakten. Natürlich gibt es im Werk von Peter Tuma weitere Zyklen, die das Verwobensein der Inhalte mit den Formen, der Bedeutungen und ihrer Geschichten mit den ästhetischen Konzeptionen aufzeigen. Da sind die Brücken und Boote, Körperteile, innere Organe, wie das Herz und immer wieder Gefäße und der menschliche Kopf, gesteigert in der motivischen Bedeutung als das abgeschlagene Haupt des Johannes auf dem Teller.

Peter Tuma hat für sich die Frage, was für Bilder er machen will, recht früh beantwortet. Indem er erkannte, dass das Fragment, das Bruchstückhafte einen ungeheuren Sog ausübt, weil es eben zur Ergänzung drängt, unsere Vorstellungskraft antreibt und auch so wandelbar ist, hat er ein Thema gefunden, das ein Leben lang ergiebig bleibt. Der Wille zum Unfertigen ist bei ihm auch Antrieb wie Auftrieb zur Gestaltung. Darin hat das Fragment für ihn mehr Kraftpotenzial als das vermeintlich Ganze. Das Fragmentarische wie auch das Kryptische zusammen mit dem virtuosen bildnerischen Vokabular in seiner ganzen Bandbreite wie Fläche, Lineament, Umriss, genaue Wiedergabe wie auch den Umkehrungen dieser Prinzipien bestimmen das Wesen der Bilder. Das Drama bleibt gebändigt, die Form beherrscht, also dem Willen zur Gestaltung unterworfen... aber undercover bleibt der undurchdringliche Rest als ein Schwebezustand zwischen betont und unbetont oder bewusst und unbewusst. Dieser Schwebezustand ist es, der auch uns mit den Bildern von Peter Tuma nicht fertig werden lässt. Das Bild – ein Monitor unserer Vorstellungen.

Giso Weesting, Über das Provisorische, Fragmentarische, Unfertige, in: Peter Tuma. Am Wege / En Route, Kerber Verlag, Berlin 2020, S. 84 - 89.